" /> " />

Aus Heft 2-2017

Wenn die Heimat untergeht

©Brot für die Welt©Brot für die WeltDas Problem direkt vor Augen hat die Regierung Tuvalus. Denn deren Amtssitz liegt nur ein paar Meter höher als der Meeresspiegel. Aber das gilt auch nur bei ruhigem Wetter.

Sabine Minninger ist Referentin für Klimapolitik bei Brot für die Welt. Die Diplom-Geografin war zuvor neun Jahre als Beraterin für Entwicklungsprojekte vor allem in Südostasien und Südpazifik tätig. Lesen Sie hier das vollständige Interview, das Helge Neuschwander-Lutz mit ihr geführt hat.

Sie waren im September letzten Jahres im pazifischen und melanesischen Raum unterwegs. Woran lässt sich der Klimawandel in dieser Weltregion erkennen?
Viele Menschen denken beim Thema Klimawandel und Pazifik sofort an den Anstieg des Meeresspiegels als schlimmste Bedrohung. Das ist zwar langfristig die grösste Herausforderung, im Moment sind aber die häufig auftretenden Stürme das Hauptproblem für die Region. Der Anstieg des Meeresspiegels macht sich durch die Versalzung der Süsswasserquellen ebenfalls bemerkbar, weil Salzwasser von unten in die Wasserquellen gedrückt wird. In Tuvalu gibt es deshalb ausser Regenwasser kein Frischwasser mehr. Dort wachsen nur noch salzresistente Pflanzen, eine ausgewogene Landwirtschaft ist damit unmöglich.

Eine weitere Folge sind die schweren Springfluten. Küstenbewohner müssen ihre Dörfer verlassen und umsiedeln. Das Dorf Vunidogoloa auf Fidschi ist wohl das weltweit erste Dorf, das davon betroffen ist. Hier war eine Umsiedlung noch vergleichsweise einfach, weil die Inseln vulkanischen Ursprungs sind und hochliegende Flächen und Berge haben. In anderen Inselstaaten ist das unmöglich. Tuvalu mit seinen Inselatollen zum Beispiel liegt im Durchschnitt nur einen Meter über dem Meeresspiegel. Der Staat müsste komplett umgesiedelt werden. Kiribati hat bereits vorgesorgt: Die Regierung hat für umgerechnet rund 7 Millionen Euro ein 2.428 Hektar grosses Gebiet auf der zweitgrössten Insel Fidschis, in Viti Levu, von der Kirche Englands gekauft. In zehn Jahren kann mit der Umsiedlung von 10 bis 20 Prozent der Bevölkerung von Kiribati gerechnet werden.

Wie gut ist die Inselwelt Melanesiens auf die anstehenden Veränderungen vorbereitet?
Mein Eindruck ist, dass die Gemeinden ein recht gutes Vorsorgeprogramm haben und sich sehr gut untereinander unterstützen. Dieser Katastrophenvorsorge ist es zu verdanken, dass nur wenige Menschen ums Leben gekommen sind. Ein Beispiel dafür ist der Zyklon Winston im Februar 2016. Er traf Viti Levu auf Fidschi mit einer Windgeschwindigkeit von bis zu 285 Kilometern pro Stunde. Auch wenn die Zerstörungskraft immens hoch war und die Menschen in ihren einfachen Holzhütten dem Sturm kaum etwas entgegenzusetzen hatten, kamen nur wenige Menschen ums Leben. Das Küstendorf Nukubalavu auf Fidschi wurde fast vollkommen zerstört, aber niemand starb.

Reicht denn gegenseitige Hilfe auf Dauer aus?
Man ist sich dort sehr bewusst, dass mit fortschreitendem Klimawandel keine Chance mehr besteht, nur auf gemeindebasierte Hilfe zu bauen. Die Dorfbewohner von Nukubalavu wollen deshalb in die Berge ziehen, wo sie vor den Springfluten geschützt leben können. Sie hoffen nun auf die Unterstützung der Regierung – und die wiederum hofft auf die Unterstützung der internationalen Staatengemeinschaft für die breit angelegten Umsiedlungsprojekte. Eine Kartierung von besonders gefährdeten Dörfern wurde bereits durchgeführt, rund 45 Dörfer müssen in den nächsten Jahren umgesiedelt werden, 12 davon sehr bald.

Und was tut die internationale Staatengemeinschaft?
Die Welt ist auf das Grossexperiment mit dem Planeten nicht vorbereitet, auch die reichen Staaten nicht. Die Hilfe ist unzureichend. Im Rahmen der Weltklimaverhandlungen haben sich die Industrieländer verpflichtet, ab dem Jahr 2020 jährlich 100 Milliarden US Dollar für die armen Länder für die Minderung von Treibhausgasen und die Anpassung an den Klimawandel zur Verfügung zu stellen. Für den Umgang mit klimabedingten Schäden und Verlusten gibt es jedoch keine völkerrechtlich verpflichtenden Zusagen.

Die Bundesregierung hat im Rahmen ihrer G7-Präsidentschaft im Jahr 2015 eine Initiative zur finanziellen Unterstützung von Klima-Risikoversicherungen ins Leben gerufen. So können klimabedingte Schäden und Verluste zumindest eingedämmt werden. Das reicht als alleiniges Instrument natürlich nicht aus. Sie beantworten weder die Frage der Klimagerechtigkeit, noch sind sie Allheilmittel in der Bewältigung von Schäden, die bereits entstanden sind.

Haben die Inselstaaten bereits Hilfe erhalten?
Vanuatu ist Mitglied der pazifischen Versicherungsinitiative, hat innerhalb von wenigen Tagen nach dem Zyklon Winston eine Auszahlung erhalten und war sehr zufrieden mit der Hilfe. Fidschi hingegen hat bisher keinen Versicherungsschutz, weil dem Staat der jährliche Versicherungsbeitrag zu hoch ist. Der Staat hat auf die Spendenbereitschaft der Staatengemeinschaft gesetzt. Sieben Monate nach dem Sturm habe ich Fidschi besucht. Es herrschte grosse Unzufriedenheit. Die internationale Hilfe floss nur ungenügend, bis heute fehlen dem Staat die Mittel für eine vollständige Beseitigung der Schäden.
Der Klimawandel bringt Jahrhundertkatastrophen nun fast im jährlichen Abstand. Der Pazifik wurde zum Highway von Superstürmen, die die Inselwelt treffen. Die Spendenbereitschaft nimmt jedoch mit der Anzahl der Ereignisse ab.

Was müsste konkret geschehen, um die Lage zu entspannen?
Die Treibhausemissionen müssen drastisch gesenkt werden. Das Pariser Klimaabkommen müsste schnellstmöglich umgesetzt werden. Leider sehen wir in einigen Teilen der Welt einen nur geringen politischen Willen, das anzugehen. Deutschland bekommt es nicht hin, den Kohleausstieg zu beschliessen und die USA überlegt sogar, aus dem Pariser Abkommen auszusteigen. Dagegen war Fidschi das erste Land der Erde, das das Pariser Abkommen ratifiziert hat und bis 2030 nur noch erneuerbare Energien einsetzen möchte.

Das Thema Klimawandel ist umstritten. Was entgegnen Sie denjenigen, die die Veränderungen nicht sehen wollen?
Der Klimawandel ist bei denjenigen umstritten, die aufgrund wirtschaftlicher Interessen den Fakten und der Wissenschaft nicht glauben wollen. Der menschengemachte Klimawandel ist wissenschaftlich bestätigt. Während in den letzten zehn Jahren die Leugner immer stiller wurden, erfahren sie nun durch Donald Trump eine Renaissance. Aber selbst in den USA glauben 70 Prozent der Bevölkerung, dass der Klimawandel eine Bedrohung ist und erneuerbare Energien eingesetzt werden sollen. Wir haben ein globales Problem und brauchen eine globale Lösung. Und mit dem Einsatz von erneuerbaren Energien haben wir die auch. Die sind bezahlbar, sogar billiger als fossile Energien, schaffen viele neue Arbeitsplätze, helfen gegen den Klimawandel und bringen gesundheitliche Vorteile.

Glauben Sie an die Einsicht der Regierenden?
Die Einsicht wird kommen. Wer nicht an den Klimawandel glaubt, sollte den Südpazifik besuchen und den Kampf der Menschen erfahren. Zwar sind die ärmsten Länder wegen ihrer geografischen Lage zuerst vom Klimawandel betroffen, aber die reichen Staaten werden vom Klimawandel nicht verschont bleiben. Die politischen Ambitionen reichen bisher jedoch nur, die globale Erwärmung auf unter 3 Grad Celsius bis zum Ende des Jahrhunderts zu begrenzen. Damit sind wir weit entfernt von dem Ziel, unter 1,5 Grad Celsius zu bleiben. Die Schäden in einer um 3 Grad Celsius wärmeren Welt sind nicht kalkulierbar. Ein Umstellen der Weltwirtschaft auf einen kohlenstoffarmen Entwicklungsweg ist bezahlbar. Klimaschutz lohnt sich, der voranschreitende Klimawandel dagegen wäre nicht nur aus ökonomischer Sicht eine Katastrophe.

Wird der Klimawandel nicht sofort eingedämmt, werden die ärmsten und verletzlichsten Staaten die ersten sein, für die es existentiell bedrohlich wird. Bald danach wird der Klimawandel jedoch alle treffen. Noch können wir handeln, aber die Zeit wird immer knapper.