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Aus Heft 2-2017

Das verlorene Paradies

©Jens Wegener©Jens WegenerFür die indigenen Völker Brasiliens ist ihr Wald das Paradies. Aber von allen Seiten bedroht.

Die indianische Urbevölkerung Brasiliens will ihre Identität bewahren. Und den Anschluss an die Moderne nicht verpassen.

Von wegen Paradies. Auch keine bieder-naturalistische Fantasiewelt à la Karl May. Statt bunter Zelte und eines Marterpfahls stehen gut 15 Bretterbuden in der brasilianischen Steppe. Dazu ein mit Stroh überdachter Treffpunkt um einen riesigen Mangobaum, die relativ neue Schule, ein Haus der Gesundheitsbehörde mit kleiner Apotheke. Fenster ohne Glas, ein gemauertes Gemeinschaftsklo.

Im Dörfchen Paygap, rund 1.200 Kilometer südlich des Amazonas, leben 73 indigene Menschen. Hier ist es trocken und karg, keine gute Umgebung für die wenigen Frauen, Männer und Kinder aus der brasilianischen Urbevölkerung. Aus kleinen Nussschalen fertigen die Frauen mit ihren Buschmessern Ringe und Ketten, zu haben für umgerechnet wenige Cent; die Männer verkaufen Paranüsse, die von der Dorfgemeinschaft gesammelt wurden. Tierhaltung gibt es kaum, und auch nur wenig Landwirtschaft.

Das indigene Volk der Arara Karo besteht aus 348 Menschen, die zwar fest in mehreren Dörfern wohnen, aber als ehemalige Halbnomaden gefühlt noch auf der Wanderschaft sind. Das gefällt nicht jedem im Brasilien, denn ihre Lebensweise erfordert eine Menge Land, das den Indianern von der Verfassung garantiert wird.

"Ohne unsere Hilfe würden sie immer verlieren"
Nur ein Bruchteil der riesigen Flächen ist bewohnt oder bewirtschaftet, der Rest liegt brach, wilde Natur. So viel braucht man auch, wenn man vom Jagen und Sammeln lebt. Aber die Indianer bekommen zusätzlich Geld vom Staat und kaufen viele Waren lieber im Supermarkt, gut zwei Stunden Fahrt auf einer staubigen Buckelpiste entfernt. Mit Autos und Mopeds ist man auch hier mobil. Und aus den wackeligen Hütten klingt immer mal wieder Popmusik, die aktuellen Charts. Eine grosse Satellitenschüssel macht den Mangobäumen Konkurrenz.

Und warum engagieren sich Kirchen und Hilfsorganisationen für die brasilianischen Indianer? Jandira Keppi, Rechtsanwältin aus Ji-Paraná, einer 100.000-Einwohner-Stadt im Bundesstaat Rondônia, reagiert fast verärgert auf diese Frage. Sie kümmert sich im Auftrag der Hilfsorganisation COMIN um die Arara, begleitet sie bei Verhandlungen mit der örtlichen Verwaltung und in der Politik. „Ohne unsere Hilfe hätten sie im Wettstreit um Land und Ressourcen doch keine Chance“, sagt sie entrüstet und verweist auf das Interesse der hier extrem reichen Grossgrundbesitzer an dem bislang traditionell genutzten Land. Holz, Mais und Sojabohnen will man hier anbauen, vor allem zum Verkauf in andere Länder. Und für Ethanol, das in Brasilien als Benzinersatz verwendet wird.

Mehrmals im Monat macht sich Jandira mit ihrem roten Geländewagen auf den beschwerlichen Weg zu den Indianern und versucht, zwischen ihnen und dem modernen Brasilien zu vermitteln. Dabei ist viel Geduld gefragt: Die indigenen Völker sollen selbst entscheiden, was für sie am besten ist, COMIN hilft allenfalls im Hintergrund. Meistens geht es um unterschiedliche Sichtweisen – und dann ist so etwas wie Mediation vonnöten: Warum sollen nicht auch die Indianer für ihren Lebensunterhalt sorgen, Landwirtschaft betreiben oder dahin ziehen, wo es Arbeitsplätze gibt?

Gebrochene Versprechen
Brasilien ist 24-mal so gross wie Deutschland, es gäbe also genug Platz für die viel Raum in Anspruch nehmenden Indianer. Manchmal geht es aber auch um zwar versprochene, aber nicht ausgezahlte Gelder der Regierung, dann muss die Anwältin deutliche Briefe schreiben. Oder um schwere Straftaten, etwa dann, wenn sich ein indigener Schüler weigert, sein Handy zu verkaufen, um das Besäufnis mit angeblichen Freunden zu finanzieren. Nach zwei Messerstichen in den Rücken ist er tot – und Jandira wird gebeten, im Mordprozess zu helfen.

Dass die indigenen Völker Hilfe aus der Moderne brauchen, ist auch Jasom de Oliveira und seiner Frau Janaina Hübner – er Anfang 30, sie Ende 20 – klar. Beide arbeiten für COMIN, allerdings im Bundesstaat Santa Catarina, gut 3.000 Kilometer entfernt, Richtung Südosten.

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Rüdiger Niemz ist freier Journalist und lebt in Österreich.