Aus Heft 2-2017

Melanesien

Stürmische Zeiten im Pazifik

Obwohl die ersten Missionare ziemlich spät die pazifische Inselwelt betraten, breitete sich der christliche Glaube in der Region sehr stark aus. Seit dreissig Jahren bröckelt jedoch die ökumenische Zusammenarbeit.

©Getty Images©Getty ImagesGeröstete unreife Bananen sind auf Vanuatu eine schmackhafte Zwischenmahlzeit. Als das Schiff mit dem Namen „Duff“ am 7. März 1797 in Tahiti landete, waren 13 Männer, sieben Frauen und zwei Kinder an Bord – mit einem Auftrag. An diesem Tag begann die Missionierung der pazifischen Inseln, die „Duff“ gehörte der London Missionary Society (LMS). 150 Jahre später bekannten sich 90 Prozent der Bewohner der pazifischen Inselwelt zum Christentum.

Erst 38 Jahre nach dem Beginn auf Tahiti erreichte die Missionswelle mit dem Fidschi-Archipel die erste Inselgruppe in Melanesien. Die britischen Missionare William Cross und David Cargill errichteten 1835 dort eine Missionsstation. Auf den von Fidschi aus nordöstlich gelegenen Neuen Hebriden (heute Vanuatu) etablierten sich 1848 als erste die Presbyterianer unter Führung des Schotten John Geddie, eines reformierten, calvinistisch geprägten Missionars. Etwa zur gleichen Zeit begann die Missionierung auf dem Territorium der heutigen Salomonen. Wegen kriegerischer Kopfjäger war diese Region bei Händlern und Missionaren gleichermassen gefürchtet. Der neuseeländische Bischof George Augustus Selwyn errichtete 1861 die erste anglikanische Diözese in Melanesien.

Erfolgreiche Missionare
In Neukaledonien waren zunächst die Missionare der Londoner Missionsgesellschaft auf den Inselgruppen Loyalty und Isle de Pine unterwegs. Mit der Annektierung der Inselgruppe durch Frankreich im Jahr 1853 kamen verstärkt französische Missionare. Ähnlich wie die Briten in Australien nutzten die Franzosen die Inseln von 1864 bis 1922 auch als Strafkolonie.

Die LMS begann auch 1871 in Papua-Neuguinea (PNG) mit der Missionsarbeit. Für den Erfolg der britischen Missionare auf den pazifischen Inseln waren vor allem einheimische Hilfsprediger verantwortlich. Die Idee, Einheimische in Schnellkursen auszubilden, wurde in PNG erfolgreich von den Lutheranern übernommen.

©MEW/ Thorsten Krafft©MEW/ Thorsten KrafftGottesdienst der Evangelisch-Lutherischen Kirche von Papua-Neuguinea. Sie hat eine Million Mitglieder und ist aus bayerischer Missionsarbeit hervorgegangen. Die schnelle Missionierung Melanesiens wäre ohne die Unterstützung dieser lokalen Hilfsprediger, die mit Sitten und Gebräuchen, Essgewohnheiten und klimatischen Bedingungen vertraut waren, nicht möglich gewesen. Vier Jahre nach der LMS kamen methodistische, 1882 dann katholische und ab 1886 lutherische Missionare aus Deutschland nach Papua-Neuguinea. Erst 1921 nahmen lutherische Missionare aus den Vereinigten Staaten von Amerika die Arbeit dort auf.

Zwischen Protestanten und Katholiken im pazifischen Raum bestand anfangs eine starke Konkurrenz, die sich dann jedoch zu einer Zusammenarbeit entwickelte. Mit der Ankunft von Missionaren anderer christlicher Kirchen wie den Methodisten, Siebenten-Tags-Adventisten, amerikanischen Freikirchen, französischen Evangelikalen, Lutheranern und Liebenzellern oder Mormonen entwickelte sich eine bis heute anhaltende Rivalität zwischen den frühen und den neueren Kirchen.

Koloniale Überbleibsel
Während zwischen 1962 und 1980 neun Inselstaaten die volle politische Unabhängigkeit erreichten, ringen einige Inseln noch immer mit dem Erbe der Kolonialherrschaft. Das gilt besonders für Maohi Nui, Kanaky und West-Papua. Die Namen Maohi Nui und Kanaky werden von Anhängern der jeweiligen Unabhängigkeitsbewegung in Französisch-Polynesien und Neukaledonien benutzt. Trotz guter Infrastruktur und im Vergleich höherem Lebensstandard setzt sich die einheimische Bevölkerung auch heute für eine völlige Unabhängigkeit von Frankreich ein. Die Menschen in West-Papua, das von Indonesien annektiert und besetzt wurde, sind massiven Menschenrechtsverletzungen ausgesetzt und profitieren kaum von den Einnahmen durch die Ausbeutung der reichhaltig vorhandenen natürlichen Ressourcen. Die Vereinigten Staaten von Amerika, die 1898 Hawaii völkerrechtswidrig annektiert haben, sind durch US-Territorien wie Amerikanisch-Samoa und Guam sowie durch eine Reihe von Militärstützpunkten in Mikronesien weiterhin präsent.

Zunehmende Konflikte
In den letzten 30 Jahren gab es in Melanesien eine Reihe von Konflikten. Oft hat das mit der Verteilung der Einnahmen aus der Fischerei, der Holzwirtschaft oder dem Abbau von Bodenschätzen zu tun. Diese Konflikte sind häufig verknüpft mit Fragen des Landbesitzes und einer ungleichen Einkommensverteilung. Landflucht, Verstädterung sowie schwache Regierungen bedrohen die politische und wirtschaftliche Stabilität. Das weltweit zu beobachtende Gefälle zwischen der Mehrheit von Armen und einer kleinen Minderheit von Reichen ist auch in den pazifischen Inselstaaten zu beobachten.

Dr. Manfred Ernst, Politikwissenschaftler und Religionssoziologe im Ruhestand, lebte und arbeitete als Dozent, Projektmanager und Direktor des Institute for Research & Social Analysis zwischen 1991 und 2016 am Pacific Theological College in Suva (Fidschi).

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