Aus Heft 2-2017

Gefährliche Experimente

Am Rande des Pazifischen Ozeans, in der Bismarcksee, liegt in der Tiefe ein Reservoir an Rohstoffen, das Begehrlichkeiten weckt.

Das Meer im Nordosten Papua-Neuguineas ist in den oberen Schichten Brutstätte und Lebensraum zugleich – für Delfine, Haie, Wale und andere grosse Meerestiere. Zwar dringt für das Wachstum von Pflanzen zu wenig Licht in die Tiefsee, doch trotz widriger Bedingungen existiert auch dort eine vielfältige Tierwelt. Bis zu 460 Grad heisse hydrothermale Quellen, „Schwarze Raucher“, auch „Geysire der Tiefsee“ genannt, schaffen am Meeresboden einzigartige Biotope. Im Wasser, das aus den Rauchern sprudelt, sind Kupfer, Eisen, Zink, Mangan und andere Metalle gelöst.

©Getty Images©Getty ImagesIn der Bismarck-See: Durch Vulkane, wie hier den Tavurvur auf Neu-Britannien, entstehen im Meer Kupfer, Zink, Mangan und Eisen - Ziel des Tiefseebergbaus. Die Fischer spüren bereits die Folgen der Explorationsarbeiten. Der Bergbau in der Tiefe des Meeres gilt als eines der letzten Tabus der Rohstoffgewinnung. Doch das Projekt „Solwara 1“ des kanadischen Unternehmens „Nautilus Minerals“ in Kooperation mit Bergbaukonzernen in Russland und Südafrika ist bereits sehr weit fortgeschritten. Es wäre der weltweit erste Abbau von Rohstoffen am Meeresboden, der zudem fast unsichtbar abliefe. Für Solwara 1 müssten keine Menschen umgesiedelt oder Strassen gebaut werden. Und es schaut niemand zu, 30 Kilometer vor der Küste. Denn der Bergbau im Ozean soll ferngesteuert passieren, ausgeführt von der Besatzung eines Spezialschiffs.

Unabsehbare Folgen
Die Folgen eines solchen Eingriffs in die Natur wären in einem Entwicklungsland wie Papua-Neuguinea noch schwerwiegender als anderswo, denn die Menschen an der Küste leben vom Meer, insbesondere aber vom Fischfang. Ihre Kultur und Lebensqualität, aber auch ihre exportorientierte Wirtschaft werden vom Ozean bestimmt. Ein Sechstel des weltweiten Thunfischfangs findet an den Küsten des nur sieben Millionen Einwohner zählenden Landes statt.

Ein Abbau von Rohstoffen in der Tiefe des Meeres schade der biologischen Vielfalt, mahnen Wissenschaftler wie der Kieler Meeresökologe Uwe Piatkowski vom Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung. Ein grossflächiger Abbau zerstöre „delikate Lebensräume“, sagt Piatkowski. „Die dort lebenden Tiere vermehren sich deutlich langsamer als Tiere an Land – manche Arten hundert Mal langsamer.“ Dies bedeutet, dass es bis zu hundert Mal länger dauern dürfte, bis sich die Tiefsee von den menschlichen Eingriffen erholt. Wale, die bis 2.000 Meter Tiefe tauchen, um dort Nahrung zu finden, würden besonders geschädigt. Werde das Echolotsystem der Tiere durch den Lärm das Bergbaus beeinträchtigt, sagt der Kieler Meeresökologe, drohen vermehrt Massenstrandungen von Walfischen. Zudem könnte ein Umpflügen des Meeresbodens die globalen Stickstoff-Kreisläufe nachhaltig schädigen.

Hohe Profite winken
Lange Zeit galt der Bergbau im Ozean als zu aufwändig und daher kaum lukrativ. Doch diese Einschätzung änderte sich mit der Konjunktur, insbesondere in Phasen steigender Rohstoffpreise – etwa infolge der Ölkrisen der 1970er Jahre. Aus diesem Grund haben Vorarbeiten der Schatzsuche in Papua-Neuguinea bereits 1996 begonnen. Mit Forschungsrobotern haben Wissenschaftler im Auftrag der beteiligten Unternehmen das Terrain sondiert. Und sie übermittelten Ergebnisse, die den Tiefseebergbau plötzlich rentabel – oder auch sehr profitabel – erscheinen liessen: Die Konzentration der Gold- oder Kupfervorkommen in der Bismarcksee ist bis zu zehn Mal höher als in den Minen an Land.

Fahrlässige Genehmigungen
Als die Rohstoffmärkte infolge der Weltfinanzkrise 2008 einbrachen, wirkte das Tiefsee-Vorhaben dagegen erneut als deplatziert. Dennoch erteilte die Regierung von Papua-Neuguinea „Nautilus Minerals“ 2009 – nach einer einzigen Umweltverträglichkeitsprüfung – die weltweit erste Förderlizenz für die Tiefsee. Das Projekt Solwara 1 könnte nach Meinung von Fachleuten in wenigen Monaten starten. Raupenfahrzeuge, so gross wie im Braunkohle-Tagebau und bis zu 300 Tonnen schwer, stehen inzwischen bereit, um auf die anvisierte Tiefe von 1.600 Metern abgelassen zu werden. Vereinfacht dargestellt könnte der technologisch aufwändige Bergbau in der Tiefsee so funktionieren: Schaufelbagger und Schürfroboter mit rotierenden Fräsen tragen den Meeresboden grossflächig ab und zerkleinern das Gestein. Gewaltige Saugapparaturen pumpen das verflüssigte Gesteinsgemisch bis an die Wasseroberfläche. Anschliessend würde es auf einem Spezialschiff bearbeitet werden und mit Lastkähnen zu einer Aufbereitungsanlage gebracht.

MisereorIm Prinzip technisch beherrschbar sei der Abbau von Manganknollen, Kobalt und Massivsulfiden vom Meeresgrund, sagen die Techniker. Bisherige Untersuchungen der Meeresbiologen zeigen aber irreparable Schäden am Ökosystem Meer. Das hier nur skizzierte, tatsächlich jedoch mit vielen Unsicherheiten behaftete Verfahren ist die Grundvoraussetzung für das Gelingen des Tiefseebergbaus. Das Gelingen käme einer ingenieurtechnischen Meisterleistung gleich. Die Herausforderungen von Solwara 1 seien „durchaus zu meistern“, betonen die beteiligten Firmen. Doch Statements dieser Art lassen vermuten, dass ein Scheitern aus technischen Gründen keineswegs ausgeschlossen werden kann. Reparaturen durch Mechaniker am Meeresboden sind praktisch unmöglich. Gibt es in einem Kilometer Tiefe noch ein wenig Licht, so ist es in 1.600 Metern bereits stockdunkel. Kein Taucher könnte den Druck, der hier herrscht, aushalten.

Hinzu kommen die ökologischen Bedenken: So gibt es Forderungen an „Nautilus Minerals“, in der Tiefe so wenig Schlamm wie möglich aufzuwühlen und Schutzgebiete zu respektieren. Der Abraum dürfe vom Basisschiff nicht einfach ins Meer gekippt werden. Anstatt aber auf ethisches Verhalten der Firmen zu hoffen, fordert die US-amerikanische Meeresbiologin Cindy Lee Van Dover, Professorin an der Duke University in North Carolina, international wirksame Regeln zum Schutz der Tiefsee. Diese müssten klar formuliert und rechtlich bindend sein.

Kaum erforschte Tiefsee
Zwar hat die 1994 gegründete Internationale Meeresbodenbehörde (IMB) die Aufgabe, Rohstoffe in der Tiefsee als Erbe der Menschheit zu verwalten und Richtlinien für deren Abbau zu erarbeiten.

>> Lesen Sie weiter im aktuellen Heft, das sie hier bestellen können.

Autor: Jörg Schmilewski ist freier Journalist und Korrespondent für deutschsprachige Medien. Er lebt in Australien und Neuseeland.