Aus Heft 2-2017

"Sie sprechen mit Manila"

Rund eine Million Filipinos arbeiten in der Call-Center-Industrie. Manche verhelfen sogar australischen Studenten zum Studienabschluss – ein Erfolgsmodell. Aber der Boom hat auch Schattenseiten.

©Jörg Böthling©Jörg BöthlingSpartanisch ausgestattet sind die Arbeitsplätze, an denen rund um die Uhr mit der ganzen Welt telefoniert wird.
Venus Pagunsan, 32 Jahre, würde eigentlich vor einer Klasse stehen, vor einer Tafel, mit Kreide in der Hand. Hätte ihr Vater nicht die Familie sitzen gelassen und der ältesten Tochter damit die Verantwortung für die Zurückgelassenen aufgebürdet. „Ich glaube, er hat nicht ganz verstanden, was das für uns bedeutet hat“, sagt Venus. Venus hingegen hat das sofort verstanden. Sie hat ihre Stelle als Lehrerin, und damit ihren Traumberuf, aufgegeben. Denn sich selbst, die jüngeren Geschwister und die eigene Mutter finanziell über Wasser zu halten, geht nicht mit dem Einkommen einer Lehrerin.

Nicht hier in Manila. Venus hat da angeheuert, wo sie nach einem Arbeitstag dreimal so viel Geld nach Hause bringt: Sie hilft zahlungskräftigeren Lernwilligen, als es die philippinischen Kinder sind, auf die Sprünge. „Piton Global“ heisst die Firma, für die Venus nun arbeitet. Sie liegt in dem Stadtteil Manilas, in dem die Strassen sauber sind und Fast-Food-Ketten neben den Hochhäusern schnelle und ungesunde Mittagsmahlzeiten feilbieten.

Studien-Nachhilfe aus dem Callcenter
Venus sitzt, ausgestattet mit Flachbildschirm, Headset, modernster Telefon-anlage und wählt eine australische Telefonnummer nach der anderen an. Am anderen Ende der Leitung heben Studenten in Melbourne oder Sydney ab. „Ich helfe ihnen durch die Prüfungen“, sagt Venus. „Manche muss man regelrecht antreiben, andere an Termine erinnern.“ Sie atmet einmal tief aus.

„KPO – knowledge outsourcing process“, zu Deutsch „Wissensauslagerungs-Prozess“, heisst das Geschäftsfeld, in dem Venus und ihre Kollegen ein Mehrfaches von dem verdienen, was sie in ihren erlernten Berufen bekämen. Für Venus‘ virtuelle Schüler zahlt der australische Staat: Der möchte die Bildungsquote daheim anheben und investiert, damit junge Filipinos die Kurse aus-tralischer Studenten durchackern und ihnen so unter die Arme greifen – per Bildschirm, mit Kopfhörer und Mikrofon, und vor allem mit viel aufmunterndem Vokabular.

Schon eine Million Jobs in den Callcentern
„Grossartig!“ „Fantastisch!“ „Gut gemacht!“ steht auf den kleinen Kärtchen, die an den Arbeitsnischen als Gedächtnisstützen für die Telefon-Coaches stecken. Loben, loben, loben, das ist die Devise. Ohnehin gelten Venus‘ Landsleute als überaus geduldig und freundlich. Das ist – abgesehen von ihrem astreinen amerikanischen Englisch – wohl auch der Grund dafür, dass 2016 die philippinische Call-Center-Industrie 25 Milliarden US-Dollar eingespielt hat.

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Barbara Brustlein ist Chefredakteurin des missio-magazin, herausgegeben von Missio München