Aus Heft 3-2017

Surinam: Im Paradies ist der Wurm

Es könnte so paradiesisch sein in Surinam: Viel Natur, viel Platz, viele Ressourcen. Doch die Natur ist in Gefahr und ein gutes Leben ist ein Traum.

©EMW/Martin Keiper©EMW/Martin Keiper "Gerade, als wir lachend aus dem Club ins Freie traten, standen sie da: junge Kerle, mit Gewehren im Anschlag. Einen kannte ich, der Sohn meiner Nachbarin. Ein Schritt, und er schrie mich an: ‚Keine Bewegung!‘“ Breitbeinig steht Scott Schotsburg da, den Soldaten nachahmend. Das Lachen verging der Clique in jener Februar-Nacht vor 37 Jahren spätestens dann, als sie in den frühen Morgenstunden im Polizeirevier erkennungsdienstlich behandelt wurden. Da wurde ihnen klar, dass die Verhaftung kein lustiger Karnevalsspass war, sondern blutiger Ernst. „Das war nicht mein Surinam“, sagt der 59-Jährige heute. „Dieses Land kannte ich nicht!“

Der damals 23-Jährige verliess seine Heimat in den Tagen nach dem Militärputsch am 25. Februar 1980. So, wie viele seiner Landsleute. Doch der schwärzeste Tag seit der Unabhängigkeit von den Niederlanden und der Gründung der Republik Surinam 1975 stand dem kleinen Volk in der Karibik, im Norden Lateinamerikas gelegen, noch bevor.

Das Trauma von 1982
Auch heute vergeht kaum ein Gespräch mit interessierten Ausländern, in dem die „Dezembermorde“ vom 2. Dezember 1982, die der Machtergreifung des Militärs folgten, unerwähnt bleiben. 15 oppositionelle Intellektuelle waren gefoltert und ermordet worden. Mit dabei: Dési Bouterse, Putschist und Quasi-Herrscher bis 1987. Seit 2010 ist er demokratisch gewählter Präsident, nachdem er dank einer Amnestie durch das Parlament einer Verurteilung als Mörder entgangen war. Im Februar 2017 wurde der Fall wieder eröffnet, Ende Juni forderte die Anklage 20 Jahre Haft, Ausgang ungewiss.

Nur wenige Bürger und Bürgerinnen zweifeln an der Schuld des Präsidenten. Vor allem die Angehörigen der Opfer, unterstützt von Anhängern der Rechtsstaatlichkeit und Gerechtigkeit, wünschen eine Verurteilung unabhängig vom Strafmass. Anderen Surinamern ist die Geschichte schlicht egal: „Lasst die Vergangenheit ruhen“, fordern auch Vertreter von Kirchen und weisen auf das Jüngste Gericht. Doch auch unter Christen gibt es solche, die irdische Gerechtigkeit fordern.

Für Bouterses Wiederwahl 2015 zahlt das Volk einen hohen Preis. Probleme habe das Land keine, erklärte er, und pumpte sich Geld – viel Geld. Mit 2,3 Milliarden Dollar steht das Land in der Kreide, während gleichzeitig die Produktivität seit Jahren sinkt. Und zukünftig werden wichtige Deviseneinnahmen fehlen, denn Ende 2015 schloss die US-Aluminium-Firma Alcoa ihre Bauxit-Mine und die Schmelze in Paranam.

Zum Glück gibt es Verwandte
©EMW/Heiner Heine©EMW/Heiner HeineI love SU - Ich liebe Surinam. Die Farben der Landesflagge sind oft präsent im Straßenbild. Autos, Maschinen, Computer und vieles mehr sind in den Geschäften in US-Dollar ausgezeichnet. Auf Importware ist der angegebene Surinam-Dollar-Preis nur eine ungefähre, mit Bleistift geschriebene Angabe. Per Taschenrechner wird der Tagespreis des gewünschten Artikels berechnet. Im Januar 2017 errechneten Ökonomen eine 50-prozentige Inflation und prognostizieren keine Verbesserung. Erträglich wird für viele Surinamer die wirtschaftliche Situation nur, weil ihre im Ausland lebenden Familienangehörigen Geld überweisen. Schon kurz nach der Unabhängigkeit, verstärkt aber nach dem Staatsstreich, hatten viele Bürgerinnen und Bürger das Land Richtung Norden verlassen. 350.000 „Suriname“ leben in den Niederlanden und den USA.

Anders als in vielen Ländern freuen sich die Menschen, nach ihrer Abstammung gefragt zu werden. An den Feier- und Gedenktagen tragen die verschiedenen Ethnien gerne traditionelle Trachten. Vor allem diejenigen, deren Familien schon länger in der Region leben, sind stolz, aufzuzählen, wo die Vorfahren herkommen.

„Mein Grossvater väterlicherseits kam aus China“, erzählt Nicole Tong Sang. Zunächst wollte er vier Jahre auf einer Plantage arbeiten, doch er blieb für immer – wie viele Vertragsarbeiter aus Asien. Diejenigen, die Ehepartner aus der eigenen Ethnie heirateten, sprechen oder verstehen die Sprache aus dem Herkunftsland heute noch – andere, so wie Nicole, nicht mehr.

Salome Blitin, Mitarbeiterin in der Surinamischen Bibelgesellschaft, zeigt Bilder, auf denen sie einmal in der Tracht der Ureinwohner und ein anderes Mal in einer chinesischen zu sehen ist. Sie lacht: „Prima, nicht wahr? Je nach Lust und Laune kann ich die eine oder andere Familienseite in Szene setzen.“

Doch so entspannt geht es nicht immer zwischen den Bevölkerungsgruppen zu. „Das Leid der Sklaven ist in aller Munde“, sagt eine indisch-stämmige Frau um die 50, die ihren Namen nicht genannt haben will. „Aber das Leben der Vertragsarbeiter aus Indonesien, Indien und China, die nach der Abschaffung der Leibeigenschaft ins Land gerufen wurden, war kein Zuckerlecken.“ Sie berichtet, dass die Situation auf den Plantagen für die freien Vertragsarbeiter kaum besser war als für die Sklaven. Mitgefühl aber bringe man heute eher den afrikanisch-stämmigen Menschen entgegen, nicht aber den asiatischen.

Die europäischen Eroberer im 16. Jahrhundert wollten auf dem fruchtbaren Boden Zuckerrohr anbauen. Die Ureinwohner waren als Zwangsarbeiter ausersehen, flüchteten aber in den Regenwald im Süden. Heute leben ungefähr 20.000 Amerindiens in Surinam. Nach einigem Hin und Her einigten sich England und die Niederlande 1667 darauf, dass im Tausch für New Amsterdam, dem heutigen New York, Surinam holländisch wurde.

Reichtum durch Sklaverei
Um die personalintensive Landwirtschaft betreiben zu können, wurden verschleppte Afrikanerinnen und Afrikaner gekauft. Die Sklavenbesitzer der holländischen Kolonie waren – so es überhaupt Steigerungen gibt – die Grausamsten. Berichten zufolge drohten Pflanzer in anderen karibischen Ländern ihren Sklaven bei unbotmässigem Benehmen mit dem Verkauf nach Surinam. Kein Wunder, dass dort viele Unfreie flohen. Seit dem 18. Jahrhundert leben diese Maroons in dörflichen Gemeinschaften im Süden. Dort entwickelten sie aus den Sprachen ihrer afrikanischen Heimat und europäischen Ausdrücken Sprachen, die auch heute noch gesprochen werden.

Bis in die Zeit nach der Unabhängigkeit gab es immer wieder blutige Auseinandersetzungen zwischen Maroons, dem Militär und der Bevölkerung. Durchschnitts-Surinamer beiderlei Geschlechts haben keine hohe Meinung von Maroons, die heute ungefähr ein Fünftel der Bevölkerung ausmachen. Bis zur Schliessung der Aluminiumhütte arbeiteten die Männer in der Alu-Produktion, heutzutage in den Goldminen, als Holzfäller, als Kleinschürfer oder als Tagelöhner, während die Frauen in den Dörfern ihre Gärten bestellen und im Haus arbeiten.

Die Plantagen, auf denen vor allem Zucker, Kaffee, Kakao und Tabak angebaut wurden, hatte man an den grossen Flüssen und deren Nebenarmen angelegt. Sie brachten den Besitzern unvorstellbaren Reichtum, für den sie selbst wenig Leistung erbrachten. Stattdessen schwelgten sie im Luxus und hielten sich Nebenfrauen, die meist keine weisse Haut hatten und dies oft nicht freiwillig taten. Gegen diese „unmoralischen“ Sklavinnen wetterte die Geistlichkeit – den Plantagenbesitzern selbst wurde nicht ins Gewissen geredet.

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