Aus Heft 3-2017

Die Vielsprachigen

Sie übersetzen die Bibel und sorgen für den Vertrieb. Die Bibelgesellschaft Surinams verbreitet Gottes Wort aber auch ganz modern.

©EMW/Heiner Heine©EMW/Heiner HeineDie Bibelübersetzer arbeiten im Dachgeschoss des Hauses der Bibelgesellschaft. Jeder von ihnen beherrscht mehrere der surinamischen Sprachen. Haben Sie Gewalt in der Familie erlebt?“ Der junge Mann ist überrascht von der Frage, die ihm das Fernsehteam stellt. Dann nickt er. „So wie man drei Mahlzeiten am Tag von seinen Eltern kriegt, hat mich mein Stiefvater dreimal täglich verprügelt.“ Auch andere Passanten auf der Einkaufsstrasse von Paramaribo, denen diese Frage gestellt wird, berichten von Erfahrungen mit gewalttätigen Eltern, Brüdern oder Männern.

Am Ende jedes Interviews reicht der Reporter eine aufgeschlagene Bibel und lässt die Befragten eine Bibelstelle vorlesen „Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und was der Herr von dir fordert: Nichts als Gottes Wort halten und Liebe üben und demütig sein vor deinem Gott.“ Was die Stelle im sechsten Kapitel beim Propheten Micha wohl bedeute, will der Reporter von jedem wissen. Und dann sagen die Surinamer, Männer und Frauen unterschiedlicher Herkunft, was sie verstanden haben.

Die Aktion wurde im Fernsehen Surinams übertragen. „Wir wollten zuallererst zeigen, wie allgegenwärtig Gewalt in der Familie ist. Zeigen, wie sehr Menschen darunter leiden. Und dass sich Gewalt nicht mit dem Gebot ‚Liebe üben‘ verträgt“, erklärt Paul Doth, Generalsekretär der Surinamischen Bibelgesellschaft.

Mit dieser Kampagne bringt sich die Bibelgesellschaft, die auch für die Nachbarländer Guyana und Französisch-Guyana zuständig ist, ins öffentliche Gespräch. „Nur Bibeln zu drucken, das reicht nicht“, betont Doth. Gottes Wort müsse gelesen, verstanden und gelebt werden, sagt er. Und Menschen eine Bibel nur in die Hand zu drücken, reiche auch nicht, denn „von einem Buch wird niemand satt!“

Die Bibel für den Alltag
Die Organisation will fünfzig Jahre nach ihrer Gründung kommunizieren, dass „das Buch“ eigentlich eine Handlungsanweisung für den Alltag ist. Und wenn in der Bibel steht, man solle anderen Gutes tun und Liebe üben, dann gelte das eben in allen Lebenslagen. „Auch bei der Kindererziehung!“, meint Doth und weist auf das beschönigende Wort „Kinder korrigieren“ im Holländischen hin, wenn eigentlich gemeint ist, dass sie geschlagen werden.

Kinder sind eine wichtige Zielgruppe für die Surinamische Bibelgesellschaft. Bedürftige Kinder, egal welcher Religion, erhalten beim Schulbeginn eine Schultasche mit nützlichen Dingen, natürlich auch biblische Schriften. Das geschehe ganz offen, betont Doth und berichtet, dass niemand dies als religiösen Übergriff empfindet.

Gemeinsam mit einem professionellen Filmteam hatte die Organisation über 170 Jugendlichen die Möglichkeit gegeben, Videos zu drehen. „Die Aufgabe lautete, einen selbst gewählten Bibeltext nach allen Regeln der Kunst filmisch umzusetzen: Text finden, lesen und interpretieren, Drehbuch schreiben, Schauspieler und Drehorte finden, das Kamerateam anweisen …“ Die Profis waren nur als Anleiter tätig. Erin Dairi, Marketingchef der Bibelgesellschaft, erzählt immer noch begeistert von der Aktion. „Die besten Filme wurden in einem Kino in der Stadt gezeigt. Und jetzt sind sie im Internet anzusehen.“ Ach ja, auch auf DVD sind die Kurzfilme erhältlich.

Die Bibelgesellschaft hat mitten in Paramaribo ein freundliches Ladengeschäft, wo sie neben Bibeln in vielerlei Sprachen und christlicher Literatur auch allerlei Geschenkartikel anbietet. In den oberen Stockwerken sind die Büros der Organisation untergebracht.

Unterm Dach sitzen die Übersetzer. In dem neuen Projekt wird das Alte Testament in eine Sprache der Maroons, Nachkommen der entlaufenen Sklaven, übersetzt und eine frühere Fassung überarbeitet. Zusammen mit Johan Josafath und Jajo Asodanse, die beide im Hinterland aufgewachsen sind, erarbeitet Koordinator Lucian Donk den Text.

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