Aus Heft 3-2017

Seenot im Hafen

Früher kamen die Seeleute ins Seemannsheim in Alexandria. Heute müssen sie an Bord besucht werden. Und dort hört der Seemannsdiakon von den Schrecken der Flüchtlingsrettung auf dem Mittelmeer. Katja Dorothea Buck hat ihn getroffen.

Seemannsdiakon Schildhauer besucht die Seeleute an Bord. Nach ägyptischen Massstäben ist das Deutsche Seemannsheim in Alexandria ein Idyll. Die kleine Villa im englischen Stil liegt in einem grossen grünen Garten mitten im Zentrum der Hafenstadt. Wer die schwere Eisentür in der hohen Gartenmauer hinter sich geschlossen hat, steht unter dichtem Blätterwerk. Der Weg zum Hauseingang ist gesäumt von kleinen Rosensträuchern.

Hinter dem Haus erstreckt sich ein noch grösserer Garten mit alten Bäumen. Doch direkt im Anschluss daran liegen die Bahngleise der Strecke Alexandria-Kairo. Halbstündig oder noch häufiger donnern hinter der hohen Mauer die schweren Dieselloks vorbei und verabschieden sich mit einem gellenden Pfiff aus der Hafenstadt, bevor sie Tempo für die Fahrt Richtung Süden aufnehmen.

Hinter der Idylle das Gefängnis
Das ist der Moment, in dem Markus Schildhauer und Karin Streicher ihre Gespräche auf der grossen Terrasse regelmässig unterbrechen müssen. Das Ehepaar aus Fürstenfeldbruck bei München leitet seit bald drei Jahren die Station Alexandria der Deutschen Seemannsmission und hat sich an diese ohrenbetäubenden Unterbrechungen irgendwie gewöhnt. Genauso wie an die besonderen Nachbarn hinter den Gleisen, die mit ihren Rufen das Ihre zur Geräuschkulisse beitragen: Das Hauptgefängnis der Stadt liegt in Sicht- und Hörweite. Tausende Gefangene sitzen dort ein und geben von frühmorgens bis spätabends durch die vergitterten Fenster ihren Angehörigen in den Gleisbetten lautstark Aufträge, was sie an Lebensmitteln besorgen oder was sie der Ehefrau, der Mutter oder dem Bruder ausrichten sollen. Das Seemannsheim liegt mitten in der ägyptischen Realität und die ist oft nicht nur laut, sondern auch brutal.

Von Bord kommt man nur mit Visum
Markus Schildhauer und Karin Streicher sorgen dafür, dass das Haus trotzdem Gemütlichkeit und Geborgenheit ausstrahlt. Selbst gebackenes Brot steht auf dem Frühstückstisch und eigene Marmelade. Der grosse Kühlschrank in der Küche ist gut gefüllt und für alle da, die ins Haus kommen. Jeder und jede darf sich daraus nehmen, was er oder sie braucht. Sogar kühles Bier ist in ansehnlicher Menge vorhanden. Eine echte Rarität. Denn nur in ganz wenigen Bars in Alexandria wird überhaupt Alkohol ausgeschenkt. Auch gibt es kaum Supermärkte, in denen man einfach mal einen Kasten Bier kaufen kann. Ägypten ist ein muslimisches Land, in dem die Religionszugehörigkeit gerne am Alkoholkonsum festgemacht wird. Entsprechend umständlich ist es, an Dinge heranzukommen, die nicht in den allgemeinen Kanon passen. Doch das Ehepaar aus Bayern könnte noch ganz andere Anstrengungen unternehmen – mehr Seeleute würden deswegen nicht kommen. Und das wissen die beiden.

Seit 2011 haben sich kaum 40 Seeleute blicken lassen. Der grosse Hafen liegt ausserhalb der Stadt, die Liegezeiten werden immer kürzer. Mit Ausbruch des Arabischen Frühlings hat der ägyptische Staat zudem die Regelungen für den Landgang drastisch verschärft. Ohne ein vorher beantragtes Visum läuft für viele Nationen gar nichts mehr. Ausserdem ist Ägypten trotz Pyramiden und Sphinx zurzeit kein wirklich beliebtes Reiseland. Wer will schon seine kostbaren freien Stunden in der Angst vor Anschlägen verbringen?

Die meisten sind froh, dass ihnen jemand zuhört
Wenn nun der Berg nicht zum Propheten kommt, muss der Prophet eben zum Berg gehen, dachte sich Markus Schildhauer und beschloss, die Seeleute dann eben auf ihren Schiffen zu besuchen. Was einfach klingt, ist aber längst keine Selbstverständlichkeit. Bis er freien Zugang zum Hafengelände bekam, dauerte es fast ein ganzes Jahr. Viele Telefonate und Gespräche der deutschen Botschaft waren nötig, bis Schildhauer endlich die nötigen Papiere hatte. Seither fährt er aber mehrmals in der Woche zum Hafen und schaut, welche Schiffe gerade da sind und welche Besatzungen Interesse haben, dass er auf ein Gespräch an Bord kommt.

Die meisten sind froh, wenn endlich mal jemand vorbeikommt und fragt, wie es ihnen geht. Denn viele der Seeleute, die in Alexandria ankommen, haben bei ihrer Fahrt über das Mittelmeer mit ansehen müssen, wie Männer, Frauen und Kinder an der Gewalt des Meeres und der Skrupellosigkeit der Schleuser gescheitert sind. Auf ihrer Flucht vor Bürgerkrieg, Hunger und Perspektivlosigkeit in ihren Heimatländern verlieren sie am Ende ihr Leben im Mittelmeer. „Viele Flüchtlinge schaffen es gar nicht an Bord. Für geschwächte Menschen ist die glatte Bordwand zu hoch“, sagt Schildhauer. Oder die nicht mehr navigierbaren Kähne kenterten, weil alle zuerst an Bord des rettenden Schiffes wollen und das Boot dann kippt. „Die Wenigsten können schwimmen und im kalten Wasser kann keiner lange durchhalten“, sagt der 58-Jährige. „Die Seeleute müssen dann hilflos zusehen, wie diese Menschen ertrinken.“

Zur Rettung verpflichtet – aber nicht vorbereitet
Eines von vielen Schiffswracks an der ägyptischen Mittelmeerküste. Ob es Flüchtlinge transportierte, weiss man nicht, aber dass die Menschen gerettet wurden: Jemand hat Rescued an die Bordwand geschrieben. Laut internationalem Seerecht sind Seeleute zur Rettung verpflichtet. Doch Handelsschiffe sind nicht für die Flüchtlingsrettung auf hoher See ausgerüstet. Rettungswesten, Lebensmittel, Wasser und auch die sanitären Einrichtungen sind auf eine Besatzung von rund 20 Leuten ausgelegt, nicht aber auf hunderte, ausgezehrte Menschen, die gerade dem Tod entronnen sind. Schildhauer hört sich ihre Geschichten an und ist froh, wenn die Seeleute überhaupt über das Erlebte reden können.

Denn oft sei es nicht leicht, mit den Männern, die Monate lang in einer Zwangsgemeinschaft lebten, ins Gespräch zu kommen. „Wer von uns weiss denn schon, wie es auf einem Schiff zugeht? Da herrscht ein rauer Befehlston, jeder gibt so wenig wie möglich von sich preis“, sagt Schildhauer. „Oft braucht es Zeit, bis jemand wieder Worte findet für etwas, das wir uns nicht einmal vorstellen können.“

Am Heiligen Abend im vergangenen Jahr war er auf ein Schiff im Hafen gegangen, um mit der Mannschaft einen Gottesdienst zu feiern. Auf ihrer Fahrt nach Alexandria hatten sie zusehen müssen, wie rund hundert Menschen ertranken. „Wie soll man da Weihnachten feiern?“ fragt Schildhauer, der immer wieder auch Geschichten vom Zuspätkommen hört. „Dann sehen die Seeleute nur noch Rucksäcke oder Überreste eines alten Schiffs im Wasser treiben und wissen, dass sie jetzt über Leichen fahren“, sagt er.

Menschenleben retten oder den Fahrplan einhalten?
Seiner Schätzung nach hätten pro Jahr mehr als hundert Handelsschiffe, die in Alexandria anlegen, direkten Flüchtlingskontakt. Tendenz steigend. Auch die Angst, so etwas erleben zu müssen, treibe viele Seeleute um. Manch einer bleibe dann tagsüber lieber unter Deck, um sich vor solchen Bildern zu schützen, erzählt Schildhauer. Was von Seeleuten im Mittelmeer abverlangt wird, kümmert auch viele Reeder nicht. Das zeigt der Fall eines deutschen Kapitäns, der auf hoher See vom Zentralen Maritimen Rettungszentrum in Rom über Funk die Nachricht bekam, dass unweit von seinem Schiff ein Flüchtlingsboot in Seenot geraten sei. Der Kapitän hielt kurz Rücksprache mit seiner Reederei . Doch die erteilte ihm die Anweisung, weiterzufahren. Der Umweg von drei Stunden würde 100.000 Euro kosten, Geld, das nicht mehr reinkäme.

Am nächsten Tag erfuhr der Kapitän, dass dieses Boot mit 400 Leuten untergegangen war. „Der macht sich jetzt bis an sein Lebensende Vorwürfe, dass er für den Tod dieser Menschen verantwortlich ist“, sagt Schildhauer. „Hätte er sich über die Anweisung seines Reeders hinweggesetzt, hätte er seinen Job verloren. Natürlich ist die Frage, was mehr wiegt. Aber warum muss dieser Kapitän sie jetzt beantworten?!“

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