Aus Heft 1-2017

Rituale

Kleine Gesten mit grosser Wirkung

Rituale prägen den Alltag. Doch wann wird aus der schlichten Gewohnheit ein Ritual? Menschen aus vier Kontinenten geben Antworten. Miriam Glass hat die Fragen gestellt.

©Getty Images©Getty Images Josefina Hurtado Neira steht jeden Morgen am Fenster und nimmt die Farben der Natur in sich auf. Seit Jahren schaut sie als Erstes nach dem Aufstehen auf die Blätter der Bäume draussen. Lange Zeit war das eine Gewohnheit, nichts weiter. Doch heute bezeichnet die 59-jährige, in der Schweiz lebende Chilenin diesen Blick in die Bäume als Ritual.

Doch wo liegt der Unterschied zwischen Ritual und Gewohnheit? Josefina Hurtado sagt: „Irgendwann wurde mir bewusst, dass mir dieser Moment enorm viel bedeutet. Er verdeutlicht für mich den Übergang von der Nacht in den Tag. Er bringt mich in Kontakt mit meiner unmittelbaren Umgebung und dem gegenwärtigen Augenblick. Und er verbindet mich auch mit meiner Familie, die auf der anderen Seite der Erde lebt. Denn ich frage mich jeden Morgen in Basel, welche Farbe heute die Blätter vor den Fenstern meiner Kinder in Chile haben.“ So wichtig ist ihr dieses Morgenritual, dass beim Umzug von Chile in die Schweiz vor vier Jahren das einzige Kriterium für die neue Wohnung war: Vom Fenster aus müssen Bäume zu sehen sein.

Weitblick zum Tagesanfang
Josefina Hurtados Ritual ist ein Beispiel für die unzähligen kleinen Handlungen, die vielen Menschen im Alltag Halt geben. Sie nehmen wenig Raum ein, doch wenn sie nicht stattfinden, fehlt etwas. Dem einen gelingt der Start in den Tag nur, wenn er morgens joggen geht, die andere findet nur in einen ruhigen Schlaf, wenn sie am Abend betet. Susy Signer-Fischer, Psychologin am Zentrum für Entwicklungs- und Persönlichkeitspsychologie der Universität Basel sagt: „Eine Gewohnheit wird zum Ritual, wenn sie mit Bedeutung aufgeladen wird; dies geschieht oft unbewusst.“

Nicht immer aber schleichen sich Rituale durch ihre stete Wiederholung einfach so ins Leben. Caroline Schröder-Field hat ein besonderes Alltagsritual bewusst gewählt. Jeden Morgen steigt die Pfarrerin auf die beiden Türme des Münsters in Basel. Noch vor dem Frühstück nimmt sie die 242 Stufen hinauf auf den Martinsturm und wechselt dann über eine Galerie auf den ebenso hohen Georgsturm. Die Münsterpfarrerin sagt: „Dieses private Ritual hilft mir, den Tag zu beginnen. Indem ich auf den Türmen den Weitblick geniesse, stehe ich für einen Moment über den alltäglichen Dingen, bevor ich dann in sie eintauche.“ Die Bewegung beim Treppensteigen sei ein ebenso wichtiger Bestandteil dieses Rituals wie die Gedanken dabei. „Zum Beispiel denke ich angesichts des Uhrwerks der Turmuhr an die Menschen in meinem Umfeld, die zurzeit besondere Fürbitte brauchen.“

Momente des Übergangs
Rituale helfen bei Übergängen und sie heben einzelne Momente besonders hervor. Ihre regelmässige Wiederholung gibt uns Orientierung in der Zeit. Deutlich wird dies bei überlieferten kollektiven Ritualen. Hochzeitsrituale zum Beispiel kennzeichnen den Übergang zum Leben als Ehepaar. Der Moment der Eheschliessung wird besonders hervorgehoben und symbolisch mit dem Tausch von Ringen besiegelt. Dies alles geschieht in einer Gemeinschaft, in Beziehung mit anderen Menschen.

Auch individuelle, informelle Alltagsrituale tragen oft noch eines oder mehrere Merkmale von traditionellen Ritualen. Die Alltagsrituale von Josefina Hurtado und Caroline Schröder-Field markieren den Übergang von der Nacht zum Tag und vom privaten Leben zum Berufsalltag. Auch hier wird ein Moment hervorgehoben, indem er bewusst und immer gleich gestaltet wird, abgegrenzt von den Aktivitäten davor und danach. Symbole können auch bei Alltagsritualen eine Rolle spielen. Bei Josefina Hurtados Ritual sind es die Farben der Natur, bei Caroline Schröder-Field stehen die Münstertürme als Symbol für die Möglichkeit von Überblick und Weitblick.

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