Aus Heft 1-2017

Koka und Mutter Erde

Rituale gehören in den Anden fest zum Leben. Auch indigene Christen halten an den uralten Bräuchen der Ahnen fest. Hildegard Willer berichtet.

©Hildegard Willer©Hildegard WillerFür Pachamama: Ein altes Ritual auf 4.000 Metern Höhe ehrt Mutter Erde, Wünsche kann man ebenfalls äussern. Auf über 4.000 Metern zählt jeder Schritt bergaufwärts doppelt. Das Herz des ungeübten Flachlandbewohners rast, die Lunge japst und will viel mehr Sauerstoff einsaugen, als die dünne Höhenluft hergibt. Nur der einheimische Führer läuft wie ein Wiesel voran. Auf dem Atojja, dem heiligen Berg auf der peruanischen Seite des Titicaca-Sees angekommen, nimmt er eine Tüte mit Koka-Blättern hervor und hält vier Stück davon in die Höhe.

Er spricht ein paar Worte in Aymara, schüttet zu Ehren der Pachamama, der Mutter Erde, etwas süssen Rotwein auf die Erde und nimmt dann selbst einen Schluck. Dann legt er die vier Kokablätter auf eine Feuerstelle aus Stein. Jedes Kokablatt steht für ein Anliegen oder einen Wunsch. Dann holt er ein Arrangement mit Figuren aus Zuckergebäck und nachgemachten Geldscheinen aus dem Rucksack und verbrennt diese. Während sich der Nebel im Morgengrauen lichtet und die Sonne über dem Titicaca-See aufgeht, nehmen die Berggeister und die Mutter Erde den „pago a la tierra“ auf, die Bitte und den Dank an die Pachamama.

Wenn ein Andenbewohner auf seinen Hausberg steigt, dann fast immer aus diesem Grund: Er will dem Göttlichen näher sein, der Mutter Erde ein Opfer oder einen Dank bringen für gutes Gelingen. Jeder Ort hat seinen heiligen Berg, jeder Ort seinen Schamanen, seinen „Yatiri“. Auch heute noch sind diese Rituale im Leben der Andenbewohner fest verankert. 500 Jahre gewaltsame Eroberung und christliche Mission konnten ihnen nichts anhaben. Oft sind sie eine Symbiose eingegangen mit der christlichen Lehre. So wie im Leben von Calixto Quispe.

Das ist hier kein Widerspruch: Diakon und Aymara-Heiler
„Ich habe schon als kleiner Junge mit meinem Grossvater die Dörfer bereist. Und da er gerne etwas über den Durst getrunken hat, durfte ich dann die Rituale durchführen“, erzählt Calixto in der Küche des theologischen ökumenischen Institutes ISEAT in La Paz. Calixto ist wie sein Grossvater Yatiri geworden. Yatiri wird man nicht in der Schule oder an einer Universität. Das Wissen wird einem von einem Lehrmeister, oft innerhalb der Familie, weitergegeben.

Calixtos Vater war weniger einverstanden damit, dass sein Sohn in die Fussstapfen seines eigenen Vaters treten sollte. Calixtos Vater gehörte der methodistischen Kirche an. „Die meisten evangelischen Kirchen sehen bis heute die andinen Bräuche und Riten als etwas Dämonisches, das dem christlichen Glauben entgegensteht“, meint Quispe. Auch er selbst vergass das von seinem Grossvater Gelernte wieder. Die christliche Lehre zog ihn stärker an, und beides zusammenzubringen, das war in den 1960-er Jahren noch nicht denkbar. Mit 14 Jahren trat Calixto in das kleine Priesterseminar der katholischen Kirche ein. Er studierte Theologie und wollte Priester werden. Bis er Encarnación traf. Seit ihrer Heirat sind sie in der katholischen Kirche und in ökumenischen Kreisen engagiert. Nach und nach entdeckten sie ihre eigene andine Spiritualität wieder und erinnerten sich an die Lehren des Yatiri-Grossvaters.

Heute ist Calixto Quispe 67 Jahre alt. Er hat ein breites Lächeln auf dem sonnengebräunten Gesicht. Den Hut setzt er nicht ab. Begleitet wird er von seiner Frau Encarnación, die die traditionellen Röcke der Aymara-Indígenas, die „Polleras“, trägt. Die beiden haben zusammen sechs Kinder und mehrere Enkelkinder. Calixto legt ein bunt gewebtes Tuch in der Grösse eines Taschentuchs auf den Tisch, den sogenannten „Tari“, und schüttelt Koka-Blätter darauf.

Ohne das grüne, halbfingergrosse ovale Blatt findet kein Ritual in den Anden statt. „Die Koka verbindet die Menschen mit der Natur und mit dem Göttlichen“, sagt Calixto und nimmt ein paar Blätter in den Mund, zusammen mit der „Lejía“, der Asche verbrannter Quinoa-Samen.

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