Aus Heft 1-2017

Tod in Sulawesi

Der Tod ist das wichtigste Ereignis im Leben eines Toraja. Das aufwändige Bestattungsritual ist in Süd-Sulawesi ein wichtiger Bestandteil von Kultur und Identität.

Hunderte Gäste kommen zu dem Beerdigungsritual, die alle beköstigt werden. Je höher der Status des Verstorbenen, desto aufwändiger werden die Feierlichkeiten. - ©Getty Images©Getty ImagesHunderte Gäste kommen zu dem Beerdigungsritual, die alle beköstigt werden. Je höher der Status des Verstorbenen, desto aufwändiger werden die Feierlichkeiten. Wenn ein Toraja stirbt, gilt er zunächst als krank und nicht als tot. Der Leichnam wird schön gekleidet und im Haus bis zur Beerdigung aufgebahrt. Früher hat man dem Verwesungsprozess mit Kräutern entgegengewirkt, heute hilft Formaldehyd. Das Begräbnis kann auch erst Monate nach dem Tod erfolgen. Denn die Bestattungsfeier will gut organisiert sein und alle Verwandten nehmen daran teil.

Und manchmal auch Gäste aus Übersee. Als Ambe Arruan starb, der jahrelang Bürgermeister des Dorfes Te’tenai war, reiste Hans Heinrich aus Stuttgart an. Heinrich ist Indonesienreferent bei der Evangelischen Mission in Solidarität (EMS). „Ich war zur Trauerfeier des Verstorbenen im engsten Kreis vor Ort“, sagt Heinrich. Was er erlebte, hat ihn tief beeindruckt und unterschied sich stark von einem christlichen Begräbnis. „Die Zeit bis zur Beerdigung wird mit dem Toten geteilt. Man setzt sich zu ihm ans Bett, teilt Essen oder raucht eine Zigarette zusammen“, sagt Heinrich. Und zwar nicht bloss für ein paar Tage. Auf die Bestattung von Ambe Arruan wartete Hans Heinrich bei seinem Besuch vergebens. Erst ganze neun Monate nach dessen Tod waren die Vorbereitungen abgeschlossen.

Bitte im Jenseits bleiben!
©Martin Keiper/EMW©Martin Keiper/EMW Dann aber war alles bereit – und für Hans Heinrich hat es sich mehr als gelohnt, für die tatsächliche Bestattungszeremonie erneut nach Süd-Sulawesi zu reisen. „Das Ritual hat etwas Magisches“, sagt er. So zum Beispiel der Weg mit dem Sarg zur Grabstätte: Ambe Arruans Sarg wurde im Kreis gedreht, nach oben und unten gehoben. Dabei wurde laut geschrien. Ziel dieses lauten, letzten Ganges ist, die Seele des Verstorbenen zu verwirren. Sie soll nicht mehr ins Diesseits zurück finden. Der Sarg wird schlussendlich in einem Felsengrab, immer häufiger auch in betonierten Gräbern oder Mausoleen, zur letzten Ruhe gebettet.

Grab-Beigaben helfen dem Verstorbenen in seinem neuen Lebensabschnitt im Jenseits, in Puya. Diesem Moment gehen umfangreiche Vorbereitungen und eine lange Zeremonie voraus. Für die Ausrichtung der Feierlichkeiten sind der gesellschaftliche Status und die finanzielle Situation der Familie des Verstorbenen ausschlaggebend. Je höher der Status einer Person, desto ausgiebiger die Feier. Nicht selten werden eigens Hütten für die Gäste errichtet. Wenn die Besucherhütten gebaut und das Essen gekocht sind, kann das Bestattungsritual beginnen. Der bunt geschmückte Sarg mit dem Verstorbenen wird von der engsten Familie auf den Zeremonienplatz gebracht und so den Trauergästen präsentiert.

Geschenke und Blutvergiessen

Die Ankunft der Gäste markiert den ersten Höhepunkt des mehrere Tage dauernden Rituals. Es gehört sich, Geschenke mitzubringen: Palmwein, Reis, Kaffee, Zucker oder Zigaretten bis hin zu Schweinen und Wasserbüffeln. Ein besonders wertvolles Geschenk ist ein weisser Wasserbüffel, der etwa so viel wert ist wie zwanzig gewöhnliche Büffel. Die Geschenke der Trauergäste können auch als Investition betrachtet werden. Denn jede Gabe wird fein säuberlich festgehalten und dient als Richtlinie dafür, was die Trauerfamilie im Gegenzug bei einer solchen Gelegenheit schuldig ist. Auf jeden Büffel und jedes Schwein fallen Steuern an, weshalb auch ein staatlicher Beamter genau mitschreibt.

Ein weiterer Höhepunkt ist das Schlachten der Büffel und Schweine. Mit fachmännischen Griffen wird ihnen die Kehle aufgeschnitten – ein blutiger Anblick, bei dem es manchem mulmig werden kann. Das Schlachten und die Opfergabe waren früher zentraler Bestandteil des religiösen Teils des Rituals. Mit der starken Zunahme des christlichen Bevölkerungsanteils in Sulawesi (die Christianisierung begann 1913 mit niederländischen Missionaren), hat das gemeinsame Mahl danach an Bedeutung gewonnen. Das Schlachten ist einer der wichtigsten Gründe für die Faszination, die viele für die Bestattung der Toraja empfinden. Mit dem Einzug des Tourismus auf der indonesischen Insel Sulawesi seit Beginn der 1970-er Jahre fehlt das Ritual mittlerweile in keinem Reiseführer mehr.

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