Aus Heft 2-2016

Zeugen des Glaubens

Furcht und Schrecken verbreiten wollten die Terroristen des „Islamischen Staats“ mit der Hinrichtung von koptischen Gastarbeitern in Libyen. Ihre Rechnung ging nicht auf.

Das Hass-Video ging um die Welt. 21 schwarz gekleidete, vermummte Männer lassen an einem Strand irgendwo in Libyen 21 Männer in orangefarbenen Häftlings-Overalls in einer Reihe antreten, zwingen sie auf die Knie und enthaupten sie auf brutale Weise. Am Ende des fünfminütigen Streifens rollen blutgetränkte Wellen an den Strand.

Das Propaganda-Video der IS-Terroristen verfehlte seine Wirkung. Als der so genannte Islamische Staat (IS) in Libyen am 15. Februar 2015 dieses Video ins Netz stellte, war das weltweite Entsetzen über die Brutalität und den Zynismus der Terrorgruppe gross. Mit mehreren Kameras hatte die Propaganda-Abteilung des IS die Hinrichtung der 20 koptischen Gastarbeiter und eines Schwarzafrikaners gefilmt, inklusive Nahaufnahmen von den Gesichtern der Geiseln. Alle Christen sollten diesen Film mit dem unmissverständlichen Titel „Eine in Blut geschriebene Nachricht an die Nation des Kreuzes“ als direkte Kampfansage verstehen. Auch der Ort war mit Bedacht gewählt: ein Mittelmeerstrand „im Süden Roms“, sagte ein Sprecher aus dem Off. „Wir werden das Meer mit Eurem Blut tränken als Rache für die verfolgten Muslime.“ Man habe den 21 Männern immer wieder angeboten, zum Islam überzutreten und so ihr Leben zu retten. Dies hätten sie abgelehnt. Deswegen müssten sie nun sterben. So die Erklärung des IS.

©Tony Rezk©Tony RezkDie 21 Märtyrer von Libyen hat der in den USA lebende Kopte seine moderne Ikone genannt. Einer der Ermordeten war der Schwarzafrikaner Matthew Ayariga - erkennbar in der Bildmitte. Der Muslim war aufgefordert worden, Jesus zu verleugnen. Er weigerte sich - und wurde ebenfalls geköpft. In den westlichen Medien konzentrierte sich in den folgenden Tagen die Diskussion auf die Professionalität der IS-Propaganda und die katastrophalen Verhältnisse in Libyen, die solche Taten überhaupt erst ermöglichen. Allgemeiner Konsens war, dieses Video am besten erst gar nicht anzuschauen und möglichst schnell zu vergessen – zum einen, um sich von der zur Schau gestellten Brutalität des IS nicht einschüchtern zu lassen, zum anderen aus Pietät und aus Respekt vor der Würde der vorgeführten und brutal getöteten Geiseln.

Der Hass ging ins Leere

Die Christen in Ägypten, dem Herkunftsland der Gastarbeiter, gingen gänzlich anders mit dem Video um. Viele schauten es sich wieder und wieder bis zum bitteren Ende an, litten mit ihren Glaubensbrüdern und staunten über die Gefasstheit, mit der die jungen Männer in den Tod gingen. Die Nahaufnahmen belegten, dass diese noch im Moment ihrer Hinrichtung „O Herr, Jesus Christus“ riefen. Dankbar sahen die koptischen Christen darin ein starkes und ermutigendes Zeugnis des Glaubens. Welch eine krachende Niederlage für die IS-Propaganda-Abteilung! Ihr professionell gemachtes Hass-Video enthielt alle Elemente einer Märtyrer-Geschichte, wie sie die koptische Kirche seit ihrer Entstehung vor 2000 Jahren kennt. Ausgerechnet bei ihrer Zielgruppe hatte sie genau das Gegenteil dessen erreicht, was beabsichtigt war.

Das Martyrium ist für die älteste Kirche der Christenheit ein wichtiges Konzept. Es spielt in ihrem Selbstverständnis eine tragende Rolle, das Martyrium sei „der Samen, aus dem die Kirche erwächst.“ In der koptischen Liturgie kommt in jeder Messe den Märtyrern der vergangenen Jahrhunderte ein wichtiger Part zu. Und koptische Christen wachsen noch heute mit einer Vielzahl von Geschichten über diejenigen auf, die wegen ihres Glaubens sterben mussten. Die einfachen Gastarbeiter aus Oberägypten, die in den Wochen vor ihrer Hinrichtung mehrfach gefoltert worden waren, werden sich wohl immer wieder an das Leiden ihrer Glaubensvorfahren erinnert haben.

Katja Dorothea Buck ist Religionswissenschaftlerin und Journalistin

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