Aus Heft 3-2017

Religionsfrieden

Nicht alles ist gut in Surinam, aber Streit wegen religiöser Angelegenheiten gibt es nicht - trotz der großen Vielfalt an Bekenntnissen.

Gute Nachbarschaft: Die Neveh Shalom-Synagoge aus der Mitte des 19. Jahrhunderts, daneben die Moschee Keizerstraat der Surinamischen Islamischen Vereinigung, fertiggestellt 1984. Es ist wohl zu bezweifeln, dass das Vorgängergebäude der heutigen Moschee mit dem Hauptsitz der Surinamischen Islamischen Vereinigung 1929 mit der Absicht neben der Synagoge in der Keizerstraat errichtet wurde, den Religionsfrieden unter Beweis zu stellen. Die Gebäude stehen auf verschiedenen Grundstücken, zwischen denen ein Zaun verläuft, der, wie andere Abgrenzungen im öffentlichen Raum auch, von der Bevölkerung geachtet wird.

Die Abbildung beider Gebäude auf einem Bild taugt trotzdem als Symbol für die Abwesenheit von religiösen Streitigkeiten. Denn auch wenn sich die Sklaven und die Ureinwohner immer wieder gegen die Unterdrückung durch die Weissen zur Wehr gesetzt, die Vertragsarbeiter gegen die schlechten Bedingungen protestierten, und auch nach der Unabhängigkeit verschiedene politische Parteien gegeneinander bewaffnet gekämpft haben – Religion hat dabei keine Rolle gespielt und wurde von keiner Seite instrumentalisiert.

Multi-ethnisches Christentum
Die Mehrheit der 500.000 Surinamer ist christlich, mit mehr Protestanten als Katholiken. Bei der letzten Volkszählung gaben knapp 120.000 Personen an; römisch-katholisch zu sein. Halb so viele fühlen sich zur Herrnhuter Brüdergemeine gehörig, und ebenso viele sind Mitglied in einer der Gemeinden des „Ganzen Evangeliums“, die pfingstlich-charismatisch geprägt sind. Lutherische Christen gibt es knapp 3.000, Reformierte ungefähr 4.000. Mehr als 17.000 Menschen machten keine Angaben zur Konfessionszugehörigkeit.

©EMW/Heiner Heine©EMW/Heiner HeineDer Chor der chinesischsprachigen Brüdergemeine in Paramaribo. Die Mitglieder der Tshoeng Tjien Kerk sind die Nachkommen chinesischer Kontraktarbeiter, die ab 1863 nach Surinam kamen. Einzig die Herrnhuter Brüdergemeine und ihre aus Deutschland stammenden Missionare predigten, lehrten und tauften vor der Sklavenbefreiung 1863 afrikanisch-stämmige Menschen. Weil die Sklaven weder Holländisch sprechen noch lesen und schreiben lernen durften, lernten die Missionare die Sprache, die die vor allem aus Westafrika entführten Menschen entwickelt hatten. Sie besuchten die Sklaven auf den Plantagen und machten sie mit dem gütigen Gott vertraut, zu dem sich viele bekehrten. Sie unterrichteten sie und sorgten dafür, dass die Sprache, die sich als Umgangssprache bis heute durchgesetzt hat, das „Sranan“, verschriftlicht wurde. Für diese Menschenfreundlichkeit werden die Herrnhuter von allen Bürgerinnen und Bürgern des Landes hoch gelobt.

In christlichen Kirchen findet man Menschen aller Hautfarben. Viele der Nachkommen der Vertragsarbeiter, die nach 1863 als Ersatz der Sklaven zur Arbeit auf den Plantagen in Indien, Indonesien und China angeworben worden waren, sind heute Christen und sprechen ihre Sprachen auch in den Gottesdiensten.

Winti – eine Religion, die es nur in Surinam gibt
Für die anderen Kirchen – ausgenommen die Herrnhuter – waren die aus Afrika importierten Sklaven keine Menschen. Sie verboten deren traditionelle Religionen. Doch da die Herren nicht mit den Sklaven zusammenwohnten, konnten die Verbote nicht überprüft werden. Selbstverständlich fanden die Menschen Trost in ihren überlieferten Überzeugungen und kultischen Handlungen.

Im Laufe der Zeit ist aus den verschiedenen westafrikanischen Religionen, christlichen Aspekten und solche aus den Religionen der Ureinwohner ein Glaube entstanden, der „Winti“ genannt wird und bis 1971 offiziell verboten war. Der Forderung, diesen Glauben im Sinne der Religionsfreiheit jetzt offiziell als „afrikanisch-surinamische Religion“ anzuerkennen, wurde vor kurzem stattgegeben.

Manchem Religionsvertreter macht dies ziemlich Kopfzerbrechen. Dass sich „nur“ 10.000 Menschen, vor allem solche mit afrikanischen Wurzeln, dazugehörig fühlen, ist Kritikern ein eher geringer Trost.

Ureinwohner: Verdrängt ins Landesinnere
Die meisten der gut 20.000 Ureinwohner leben, seit sie von den weissen Siedlern immer weiter ins Landesinnere gedrängt worden sind, in der Mitte des Landes. Mehr als die Hälfte sind katholischen Glaubens, 3.000 der evangelischen Amerindians, so nennen sich die Ureinwohner, gehören verschiedenen evangelikalen Gemeinden an. Die meisten feiern den Gottesdienst in ihrer Sprache. In der Volkszählung gaben ungefähr 1.300 Amerindians an, einer anderen Religion als der christlichen anzugehören.

Mit den Asiaten kamen drei Religionen
©EMW/Heiner Heine©EMW/Heiner HeineGeistliches Zentrum der aryanischen Hindus Surinams ist der 2001 fertiggestellte Tempel in Paramaribo. Schon kurz nach ihrer Ankunft der Vertragsarbeiter aus Asien wurden Islam, Hinduismus und Buddhismus von den Behörden als gleichberechtigte Religionen anerkannt, und schon bald durften die Arbeiter Moscheen und Tempel bauen. Für die ehemaligen Sklaven, deren Religionen weiterhin verboten waren, stellte dies eine weitere Provokation durch die Weissen dar.

Überall, wo Muslime leben, gibt es in Surinam Moscheen, die, abhängig vom Reichtum ihrer Gemeinde, unterschiedlich prächtig sind. Die letzte Volkszählung hat ergeben, dass sich 75.000 Menschen zum Islam bekennen, und dass Angehörige aller Ethnien in den Gemeinden vertreten sind. Die meisten Muslime haben indische oder javanische Wurzeln.

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