Aus Heft 3-2017

Unfriedens-Stifter

Indonesien galt bisher als ein Land religiöser Toleranz. Nun haben radikale Muslime dieser Friedfertigkeit den Kampf angesagt. Ein Bericht von Christoph Rácz.

©Getty Images©Getty ImagesDer verhasste Governeuer sollte ins Gefängnis. Auch nach Ahoks Abwahl setzten die radikalen Muslime ihre Kampagne fort. Hier am 5. Mai 2017 ging es darum, Druck auf die Justiz auszuüben. Zwei Jahre Gefängnis wegen „Blasphemie“. Das Urteil gegen den ehemaligen Gouverneur von Jakarta hat jene schockiert, die für ein tolerantes und pluralistisches Indonesien einstehen. Das Gericht in Jakarta war bei seinem Strafmass sogar über den Antrag der Staatsanwaltschaft hinausgegangen, die eine Bewährungsstrafe gefordert hatte. Das „Vergehen“ von Basuki Tjahaja Purnama, genannt Ahok: Er hatte im Wahlkampf erklärt, der Koran verbiete es nicht, für einen Nicht-Muslim zu stimmen. Konservative Gruppen brachten daraufhin Hunderttausende gegen Ahok auf die Strassen Jakartas. Die Stimmung schlug um, der zuvor populäre Gouverneur verlor diesen April die Wiederwahl – und nach dem Gerichtsurteil im Mai auch für zwei Jahre seine Freiheit.

Wahlergebnis und Urteil werten Kommentatoren als Zeichen einer wachsenden Intoleranz. Diese könnte die Grundlage des multireligiösen, im Prinzip säkularen Staates untergraben. Zwar ist Indonesien das Land mit der weltweit grössten muslimischen Bevölkerung der Welt – von den rund 260 Millionen Menschen sind rund 88 Prozent Musliminnen und Muslime – aber der Islam ist nicht Staatsreligion. Er gilt als gleichwertig neben den weiteren fünf offiziell anerkannten Religionen Christentum (evangelisch und katholisch), Hinduismus, Buddhismus und Konfuzianismus. Radikale Organisationen wie die FPI, die „Islamische Verteidigungsfront“, spüren nun Aufwind, um den religiösen Frieden aufzukündigen.

Andererseits habe das harte Urteil gegen Ahok auch viele Menschen aufgerüttelt, für Toleranz und den pluralistischen Staat einzustehen. Das sagt die Religionssoziologin Joyce Manarisip, die in Jakarta für Mission 21 als Regionalkoordinatorin Indonesien und Malaysia arbeitet: „Am Geburtstag von Ahok, am 29. Juni, gingen Tausende auf die Strasse, stellten Kerzen auf und demonstrierten für die Einheit Indonesiens.“

Gefährliche Christbäume
Bemerkenswert sei auch gewesen, dass die Polizei nach wie vor die Demonstrationen schütze, alles sei friedlich abgelaufen. Demonstriert wurde auch in vielen anderen Städten des Landes. Allerdings gab es auch Einschränkungen. Auf der Insel Borneo durften die Demonstrierenden in der Grossstadt Banjarmasin keine Kerzen mitführen – ein Zeichen für die religiös konservativere Haltung der Provinzregierung. Die Macht der Radikalen zeige sich dort auch am Umgang mit christlichen Symbolen, erzählt Manarisip: Ladenbesitzer stellen während der Weihnachtszeit lieber keine Christbäume auf – ansonsten mobilisiere die radikale FPI ihre Anhänger und blockiere das Geschäft. Und die Behörden liessen sie gewähren.

©Getty Images©Getty ImagesDie sofortige Freilassung des verurteilten Ex-Gouverneurs Ahok forderten in Jakarta Zehntausende unmittelbar nach Urteilsverkündung. Dennoch verstärken Organisationen, die sich für Religionsfreiheit und ein Miteinander der Religionen einsetzen, ihre Anstrengungen. Sie wüssten, dass es nun immer wichtiger werde, für den religiösen Frieden zu wirken, betont Manarisip. In Banjarmasin gilt dies zum Beispiel für das „Institut für das Studium von Islam und Gesellschaft“ - kurz LK3 genannt. Die von Mission 21 unterstützte muslimische Organisation veranstaltet jedes Jahr im Januar eine Expo der Religionen. Die verschiedenen Religionen präsentieren sich an Ständen und bringen kulturelle Darbietungen auf eine Bühne. Rund 10.000 Besucherinnen und Besucher strömten auch dieses Jahr zur „ReligiExpo“. LK3 arbeitet zudem gezielt mit den Stadtbehörden zusammen. So führt sie eine Fluss-Reinigungsaktion durch, bei der Menschen verschiedener Religionen gemeinsam im Einsatz sind.

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