Aus Heft 4-2016

Südafrika: Ausgeträumt

1994 – endlich! Erste freie Wahlen in Südafrika: Für das ganze Land ein feierliches und bewegendes Erlebnis. Nelson Mandela wird Präsident, ein wirklicher Vater der Nation, ein Held auch für die verunsicherte weisse Minderheit. Der anglikanische Erzbischof Desmond Tutu prägt das Wort von der Regenbogennation, wenn auch mehr als Hoffnung denn als Zustandsbeschreibung.

Trauer um Nelson Mandela bei einem Gedenkgottesdienst am 10. Dezember 2013. Fünf Tage zuvor war der Hoffnungsträger einer ganzen Generation im Alter von 95 Jahren gestorben. Foto: Jeff J. Mitchell/Getty Images Es ging bald voran: Eine Wahrheits- und Versöhnungskommission dokumentierte die Verbrechen der Vergangenheit, das Parlament verabschiedete 1996 eine in aller Welt als vorbildlich gepriesene Verfassung. Die von der ehemaligen Befreiungsbewegung „Afrikanischer Nationalkongress“ (ANC) dominierte und bald allein geführte Regierung machte sich daran, die systematische Benachteiligung der schwarzen Bevölkerungsmehrheit zu korrigieren: Indem sie sie zum Beispiel mit Wohnungen, Wasser- und Stromanschlüssen versorgte und ihnen Zugang zu Jobs und Staatsaufträgen verschaffte.

Mehr als 20 Jahre danach steckt das Land in einer tiefen Krise. Und es sind ausgerechnet die „frei Geborenen“, die nach der Apartheid Aufgewachsenen, die ihre Kritik besonders scharf artikulieren. Den Anfang machte im März 2015 „Rhodes must Fall“ – eine Gruppe von Studenten, die mit ihrem Protest erreichte, dass das Bronzestandbild von Erzimperialist Cecil John Rhodes (1853-1902) auf dem Campus der Universität auf Beschluss des Rates der Universität abmontiert und eingemottet wurde. Die unschönen Seiten dieser Proteste – Gewalt gegen Sachen, Übergriffe gegen Personen und gelegentliche Hasssprache gegen Weisse – polarisierten die Universität und die Gesellschaft.

Die Jugend fühlt sich als Verlierer

Auch an anderen Universitäten wurde nun die „Dekolonisierung“ gefordert: Es gebe viel zu wenige schwarze Professoren, die weissen bestimmten Lehrstoff und Standards, unter diesen Bedingungen könne man „nicht atmen“. Die schwierige finanzielle Lage vieler Studenten führte zur Forderung „Weg mit den Studiengebühren!“. Staatspräsident Jacob Zuma beeilte sich zu verkünden, dass es 2016 keine Erhöhung der Gebühren geben werde, die Regierung stellte mehr Geld für Stipendien zur Verfügung. Doch in diesem Jahr ist es an vielen Universitäten erneut zu teilweise gewalttätigen Protesten gekommen. Die Universitätsverantwortlichen (und viele Studentinnen und Studenten) fürchten, dass durch die Unterbrechungen des Lehrbetriebes ein ganzes akademisches Jahr verloren gehen könnte.

Die Vehemenz der Studentenproteste ist ein Symptom der gegenwärtigen Misere Südafrikas, die insbesondere die Jugend des Landes ausbaden muss. Zwar gehen inzwischen fast alle Kinder zur Schule, aber viele der weitgehend von Schwarzen besuchten öffentlichen Schulen haben ein erbärmliches Niveau. Wer immer kann, schickt seine Kinder auf eine Privatschule. Von 100 Erstklässlern gelingt trotz relativ niedriger Anforderungen nur 40 ein Abschluss, nur 14 erlangen die Hochschulreife. Da es kaum Berufsbildungsmöglichkeiten gibt und die Jugendarbeitslosigkeit extrem hoch ist, fehlt vielen jede Perspektive auf einen ordentlichen Job.

So drängen immer mehr junge Leute an die Hochschulen, die Zahl der schwarzen Studenten ist von rund 330.000 im Jahr 1995 auf über 800.000 gestiegen. Viele der schwarzen Studenten kommen aus armen Familien. Manchmal fehlt es sogar an Geld für die nächste Mahlzeit, wie bei einem Gespräch von Studenten mit Kirchenführern deutlich wurde.

Machte Mandela zu viele Kompromisse?
Gleichzeitig wissen sie um die Erwartungen ihrer Familien, die sich zukünftig Unterstützung von den jungen Akademikern erhoffen. Dass die weissen Mitstudenten sich freitags abends zum Ausgehen schick machen und mit dem Auto davonbrausen, hat zu einer Diskussion um fortbestehende „weisse Privilegien“ geführt, während sie, die Schwarzen, kämpfen müssen und eine ungewisse Perspektive haben. Viele brechen das Studium ab oder finden auch mit Abschluss später keinen Job, jeder zweite junge Erwachsene ist arbeitslos. In den Augen vieler junger Leute ist die Apartheid prägend für ihr Leben. Sie beklagen, dass Nelson Mandela und seine Mitstreiter zu viele Kompromisse gemacht hätten. Auch die Wahrheits- und Versöhnungskommission sei nur ein Feigenblatt gewesen, die Täter seien meist nicht bestraft, die Opfer nicht angemessen entschädigt worden. Die Verfassung sei zwar gut, aber sie schütze auch das Eigentum, das unter der Apartheid unrechtmässig angehäuft wurde. Vom „nichtrassischen Südafrika“ spricht kaum noch jemand, mit allen Verletzungen und neuen Frontstellungen, die damit einhergehen.

Wer noch die alten Bilder der Apartheid im Kopf hat, findet heute ein verändertes Land vor: Die Schilder „Nur für Weisse“ sind verschwunden, Menschen aller Hautfarben stehen in bunter Reihe vor Kassen und Bankschaltern an, Werbespots achten peinlich genau darauf, weisse, braune und schwarze Menschen abzubilden. In den eleganten Restaurants von Johannesburg und in den angesagten Läden der Shopping-Malls sieht man mehrheitlich schwarze Männer und Frauen mit funkelnder Freude am feinen Leben. Sie werden gern als „schwarze Diamanten“ bezeichnet und sind die eigentlichen Gewinner der ANC-Politik.

Autorin: Renate Wilke-Launer, bis Ende 2007 Chefredakteurin der Zeitschrift „der überblick“, arbeitet als freie Autorin und ist jedes Jahr in Südafrika unterwegs.

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